Als meine ältere Tochter drei oder vier Jahre alt war, sagte sie eines Abends im Badezimmer unvermittelt: ‚Weißt du wo ich war, bevor ich zu euch gekommen bin?‘ Schon die Frage fand ich ungewöhnlich für ein Kleinkind. Umso mehr war ich auf die Antwort gespannt.
‚Ich bin als Wolke über Indien geschwebt.‘
Wow. Tatsächlich war sie in Indien gezeugt worden. Aber das konnte sie damals nicht wissen, oder? Dass ihre Seele schon lange vor der Empfängnis in unserer Nähe war wusste ich. Aber dass sie das so klar benennen konnte, hat mich dann doch verblüfft.
Viele würden sich gerne an frühere Leben erinnern. Aber warum eigentlich? Welcher Teil in uns hat diese Neugier? Würden wir gern was Besonderes sein? In diesem Leben ‚nur‘ Sachbearbeiterin aber hey, im früheren Leben Königin, Hexe oder irgendeine Berühmtheit der Geschichte.
Das war mir schon in den 80ern aufgefallen, als Rückführungen in Mode kamen. Alle waren Pharao, keiner war Putzfrau.
Müssen wir das wissen? Ich glaube nicht. Alles was wir brauchen steht uns zur Verfügung. Alles was uns nicht zur Verfügung steht brauchen wir momentan nicht. Wenn es für unser Jetzt wichtig und hilfreich ist, dann tauchen Erinnerungsfetzen auf und wir erkennen Zusammenhänge.
Es hat schon seine Richtigkeit, dass wir uns normalerweise nicht an andere Leben erinnern. Wir wären sonst in diesem Leben nicht ganz bei der Sache. Oder verwirrt. Wir müssten jeden Morgen erstmal erinnern, in welchem Körper wir gerade aufwachen.
Wie bei dem Schauspieler, der jeden Abend an drei Theatern in Kleinrollen mitspielt und von einer Vorstellung zur anderen rast, schnell das Kostüm wechselt und seinen kurzen Auftritt absolviert. Plötzlich ein kolossaler Hänger, er weiß seinen Text nicht mehr. Der Souffleur will ihm das Stichwort zuflüstern, doch der verzweifelte Schauspieler zischt: ‚Keine Details! Welches Stück??’
Und warum eigentlich frühere Leben? Wir leben in einem linearen Verständnis von Zeit in dem Ereignisse wie Perlen an der Kette aufeinander folgen. Aber was, wenn die ganze Kette schon da ist? Wenn alles JETZT ist, alle ‚früheren‘ Leben in diesem Moment stattfinden?
Für den Verstand schwer zu fassen. Aber vielleicht wie bei einem Film, den man anschaut. Man erlebt Szene für Szene. Die Szenen die man schon gesehen hat, sind ‚Vergangenheit‘. Die Szenen die man nicht kennt, liegen in der ‚Zukunft‘. Aber der Film ist bereits abgedreht, man könnte vor- oder zurückspulen und merken: alle Szenen sind gleichzeitig da. Nur die begrenzte Wahrnehmung kann jeweils nur EINE Szene erleben.
Ist dann die Zukunft festgelegt, das Drehbuch schon fix? Da endet die kleine Film-Analogie. In unserem Film ist die Zukunft dynamisch. Es wurden viele Versionen gedreht und durch unsere Handlungen und Erkenntnisse ändert sich jeweils, welche Fassung wir erleben. Die eine ist wahrscheinlicher als die andere aber es gibt noch Veränderungen. Die Zukunft steht in Wechselwirkung mit der Gegenwart.
In Wahrheit gibt es keine Zukunft. Es findet alles JETZT statt. Wann sonst? Für mich bedeutet das: Alles, was ich in diesem Leben erkenne und erlöse, steht auch den anderen Seelenanteilen zur Verfügung und ändert dort dynamisch den weiteren Verlauf.
Vor zwei Jahren lag ich im Bett und wimmerte vor Schmerzen. Plötzlich wurde es dunkel um mich und ich fand mich in einem Folterkeller wieder. Ich lag auf einer Streckbank, an der Wand rußig flackernde Fackeln. Undeutlich nahm ich zwei Foltergesellen wahr. Ich spürte, gleich geht mein Licht aus. Mein letzter Gedanke war ein tröstlicher: Euch entwische ich an einen besseren Ort! – Dann lag ich wieder in meinem Bett, dankbar in einer Zeit zu leben, in der ich mich um meine Wunden kümmern kann.
Wann und wo war das? Wer war ich? Warum wurde ich gefoltert? Keine Ahnung. Muss ich nicht wissen. Aber es war hilfreich, zu verstehen, dass meine Schmerzen nicht alle mit diesem Körper und diesem Leben zu tun haben, sondern dass ich auch Gepäck aus anderen Zeiten getragen habe. Da hat sich ein Kreis geschlossen und eine Seele kam in Frieden – hier wie dort. Das ist Gnade, die sich nicht herbeiführen lässt. Sie geschieht. Danke.







